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Studien

Hamburger Bürgerschaftswahl: Wahlprogramme für viele Laien schwer verständlich

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Am 23. Februar 2020 findet die Wahl zur 22. Bürgerschaft der Freien und Hansestadt Hamburg statt. Der Wahlkampf läuft derzeit auf Hochtouren; Quelle: www.medienserver.hamburg.de, Foto: Roberto Kai Hegeler

Am 23. Februar 2020 findet die Wahl zur 22. Bürgerschaft der Freien und Hansestadt Hamburg statt. Der Wahlkampf läuft derzeit auf Hochtouren; Quelle: www.medienserver.hamburg.de, Foto: Roberto Kai Hegeler

Durch die Ereignisse in Thüringen und Berlin und die damit verbundenden personellen Entscheidungen rückt die Bürgerschaftwahl in Hamburg am 23. Februar noch mehr in den Fokus der Öffentlichkeit. Die Kommunikationswissenschaftler der Universität Hohenheim haben nun die Wahlprogramme der größten Parteien auf formale Verständlichkeit und auf populistische Sprache untersucht. Das Ergebnis: Die Wahlprogramme der Parteien zur Bürgerschaftswahl in Hamburg sind für viele Laien schwer zu verstehen. Zusammengefasst heißt das: Bandwurmsätze mit bis zu 101 Wörtern (AfD), Wortungetüme wie Diversity-Mainstreaming-Strategie (Grüne) und Check-In/Be-Out-Verfahren (SPD) oder Fachbegriffe wie Aquiferspeicher (Grüne) und Distanzelektroimpulsgeräte (FDP)

Wahlprogramme noch unverständlicher als 2015
Mit Hilfe einer Analyse-Software fahnden die Wissenschaftler um Prof. Dr. Brettschneider unter anderem nach überlangen Sätzen, Fachbegriffen, Fremdwörtern und zusammengesetzten Wörtern. Anhand dieser Merkmale bilden sie den "Hohenheimer Verständlichkeitsindex". Er reicht von 0 (schwer verständlich) bis 20 (leicht verständlich).
Im Durchschnitt ist die Verständlichkeit der Programme zur Bürgerschaftswahl in Hamburg mit 7,8 Punkten noch niedriger als bei der letzten Bürgerschaftswahl im Jahr 2015 (8,8 Punkte). Hamburg liegt bei der formalen Verständlichkeit der Programme im Durchschnitt auf Platz 9 der 16 Bundesländer. "Alle Parteien haben sich in den letzten Jahren Transparenz und Bürgernähe auf die Fahne geschrieben, doch mit derartigen Wahlprogrammen verpassen sie eine kommunikative Chance. Sie schließen einen erheblichen Teil der Wählerinnen und Wähler aus", kommentiert Prof. Brettschneider die Ergebnisse.

Die Linke formuliert am verständlichsten
Das formal verständlichste Wahlprogramm in Hamburg liefert laut der Uni Hohenheim Die Linke mit 9,3 Punkten auf dem Hohenheimer Verständlichkeitsindex. 2015 hatte sie dort mit 8,2 noch den vorletzten Platz belegt. Die Linke ist auch die einzige Partei, deren formale Verständlichkeit seit 2015 besser geworden ist. Alle anderen Parteien haben sich verschlechtert. Die CDU folgt mit 8,0 Punkten auf Platz 2. Den letzten Platz teilen sich die SPD und die FDP mit jeweils 7,1 Punkten. Aus sprachlicher Perspektive sind ihre Programme am unverständlichsten.

Verständlichkeitshürden schließen Wähler*innen aus
Die Programme der Parteien enthalten zahlreiche Fremd- und Fachwörter. Hier ein paar Beispiele, die die Uni herausgefiltert hat: Evokationsrecht (CDU), light fidelity (AfD), Acceleratoren (FDP), EdTech-Coaches (FDP), Kryokonservierung (FDP), Al-Capone-Prinzip (Grüne), Aquiferspeicher (Grüne), rhythmisierten (Linke), FindingPlaces (SPD) oder Makerspaces (SPD). Vor allem für Leser ohne politisches Fachwissen stellen diese Wörter eine große Verständlichkeitshürde dar. Einen ähnlichen Effekt hätten Wortzusammensetzungen oder Nominalisierungen, so Claudia Thoms, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachgebiet Kommunikationstheorie. Einfache Begriffe würden so zu Wort-Ungetümen, wie Bodenentsiegelungsprogramm (AfD), Fußgänger-Lichtzeichenanlagen (FDP), Flüssigerdgas-Verteilterminals (FDP), Lebensbetrachtungszyklus (Grüne) oder Klimaroadshow (SPD).

"Auch zu lange Sätze erschweren das Verständnis. Das gilt besonders für Wenig-Leser. Sätze sollten möglichst nur jeweils eine Information vermitteln", erklärt Thoms. "Der längste Satz findet sich im Programm der AfD mit 101 Wörtern. Aber auch bei allen anderen Parteien tauchen überlange Sätze auf. Sätze mit 30 und 40 Wörtern sind keine Seltenheit."

Populistische Sprache bei der AfD am häufigsten
Bei den Landtagswahlen in Brandenburg, Sachsen und Thüringen vor wenigen Monaten haben die Hohenheimer Forscher erstmals auch die Verwendung populistischen Vokabulars untersucht. Diese Analyse haben sie nun auch in Hamburg und bundesweit rückwirkend bis 1990 durchgeführt. Dabei verwendeten sie die "Anti-Elitismus-Dimension" einer Wortliste von Teun Pauwels and Matthijs Rooduijn ("Measuring populism: Comparing two methods of content analysis", 2011). Sie zählten, wie oft Begriffe aus dieser Wortliste in den jeweiligen Wahlprogrammen vorkommen. Die Wortliste besteht aus den folgenden Begriffen: elit, konsens, undemokratisch, referend, korrupt, propagand, politiker, täusch, betrüg, betrug, verrat, scham, schäm, skandal, wahrheit, unfair, unehrlich, establishm, herrsch, lüge.

Im Schnitt enthalten die Programme in Hamburg ähnlich häufig populistisches Vokabular wie die Landtagswahlprogramme aller Bundesländer seit 1990. Mit Abstand am populistischsten ist die Sprache der AfD in Hamburg. Dort ist sie sogar noch populistischer als in den Programmen der AfD in Thüringen, Brandenburg und Sachsen im letzten Jahr. Auf Platz 2 folgt die Linke. "Populistische Rhetorik besteht natürlich aus mehr als aus einfachen Begriffen. Aber die untersuchten Begriffe sind gute und bewährte Indikatoren für Populismus“, sagt Prof. Dr. Brettschneider. Gemein hätten Populisten unterschiedlicher Färbung, dass sie (1) das (eine, wahre) Volk als Gegenspieler einer (2) (entfremdeten, feindlichen) Elite begreifen. Typischerweise fokussierten Rechtspopulisten dabei vor allem auf kulturelle Themen (beispielsweise Migration), während Linkspopulisten eher ökonomische Themen in den Mittelpunkt stellten.


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(yw) 12.02.2020


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