
Prinzipalmarkt in Münster; © Ralf Emmerich
Schrumpfende und wachsende Städte in Deutschland: Münster, Frankfurt, Darmstadt und München gewinnen die meisten Neubürger
Die Städtelandschaft in Deutschland wandelt sich: Während die Bevölkerung in den Großstädten von 2008 bis 2013 um 2,8 Prozent gewachsen ist, ging die Bevölkerungszahl in Städten mittlerer Größe und Kleinstädten zurück, in Ostdeutschland deutlich stärker als in Westdeutschland. Besonders stark schrumpften Gemeinden in dünn besiedelten ländlichen Gebieten. Das geht aus einer aktuellen Studie des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR), Bonn, hervor. Dazu wurden die Bevölkerungsdaten für alle Gemeinden in Deutschland sowie weitere sozio-ökonomische Kennzahlen ausgewertet, die über die Entwicklung der Kommunen Auskunft geben.
Münster mit den meisten Neubürgern
Unter den Großstädten verzeichneten Münster (+8,9 Prozent), Frankfurt am Main (+7,6 Prozent), Darmstadt (+7,3 Prozent) und München (+7 Prozent) von 2008 bis 2013 den größten Zuwachs an Neubürgern. Die ostdeutschen Großstädte Leipzig (+7 Prozent), Potsdam (+6,3 Prozent) und Dresden (+5,8 Prozent) gehören ebenfalls zu den Top Ten. Nur wenige Großstädte haben zwischen 2008 und 2013 an Bevölkerung verloren. Diese konzentrieren sich auf das Ruhrgebiet, darunter Bochum, Essen, Krefeld, Recklinghausen und Wuppertal.
Mittelstädte gewinnen in der Nähe von Metropolen
Unter den mittelgroßen Städten (20.000 bis 100.000 Einwohner) ist der Anteil der schrumpfenden Kommunen deutlich größer. Das zeigt sich insvesondere bei Mittelstädte in den ehemaligen industriellen Zentren Ostdeutschlands auf: Die drei am stärksten schrumpfenden Kommunen Hoyerswerda (Sachsen), Bitterfeld-Wolfen (Sachsen-Anhalt) und Eisenhüttenstadt (Brandenburg) verloren zwischen 2008 und 2013 ein Zehntel ihrer Bevölkerung. Ein starkes Wachstum hingegen verzeichneten vor allem die Mittelstädte im Umland der Metropolen: Teltow (+14,9 Prozent) bei Berlin, Remseck am Neckar (+8,8 Prozent) bei Stuttgart sowie Dachau (+8 Prozent), Olching (+7,8 Prozent) und Unterhaching (+7,7 Prozent) bei München. Sie gehören zu den am schnellsten wachsenden Mittelstädten.
Große Verlierer: die Kleinstädte
Vor allem die kleineren Gemeinden im ländlichen Raum sehen sich der Studie zufolge mit einer Negativspirale konfrontiert. So hat sich dort zwischen 2008 und 2013 die Zahl der Erwerbsfähigen weiter verringert. Dieser Trend wird verstärkt durch die Abwanderung von jungen Menschen in die Großstädte. Die Entwicklung verschärft den Fachkräftemangel, der bereits heute in vielen Regionen spürbar ist.
Sicherung gleichwertiger Lebensbedingungen wird schwieriger
"Die Metropolen haben eine enorme Sogwirkung. Wissens- und wertschöpfungsintensive Branchen sind dort konzentriert und haben Vorteile im Wettbewerb um Fachkräfte. Die strukturschwachen Regionen laufen Gefahr, wirtschaftlich weiter zurückzufallen. Die Sicherung gleichwertiger Lebensbedingungen wird in diesen Regionen eine der Hauptaufgaben sein", sagt BBSR-Direktor Harald Herrmann. Laut der Bevölkerungsprognose des BBSR wird die Einwohnerzahl in Deutschland bis 2035 leicht auf 78,2 Mio. Menschen sinken und gleichzeitig die Alterung der Bevölkerung weiter fortschreiten. Die regionalen Unterschiede sind aber groß: Einer immer größer werdenden Gruppe von schrumpfenden Kommunen steht eine kleiner werdende Gruppe wachsender Städte gegenüber. "Um die Bevölkerungszahl langfristig konstant zu halten, müsste Deutschland jedes Jahr Wanderungsgewinne von ca. 400.000 Personen erzielen. Bevölkerungswachstum wird ohne Zuwanderung über einen längeren Zeitraum nicht möglich sein", so Herrmann.
Klein- und Mittelstädte als regionale Zentren stärken
Laut Gerrmann stünden schrumpfende Kommunen besonders unter Druck, ihre soziale und technische Infrastruktur an eine sich ändernde Nachfrage anzupassen. Es gelte, vor allem die die Klein- und Mittelstädte in dünn besiedelten Regionen in ihrer Versorgungsfunktion für die umliegenden Gemeinden zu stärken und dort wichtige Infrastruktur zu bündeln. "Auch die Zusammenarbeit zwischen den Kommunen und bürgerschaftliches Engagement bieten Chancen, die Daseinsvorsorge zu sichern und die Lebensqualität in ländlichen Räumen zu erhalten", betont der BBSR-Direktor. Dazu trügen auch die Programme der Städtebauförderung bei, die Klein- und Mittelstädte in dünner besiedelten Räumen gezielt unterstützen.
Helmut Dedy, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetages, kommentiert die Ergebnisse der BBSR-Studie folgendermaßen: "Die Studie belegt nachhaltig die Position des Deutschen Städtetages, dass sich die Städte in Deutschland nicht nur finanziell, sondern auch strukturell und mit Blick auf ihre Entwicklungsmöglichkeiten ganz unterschiedlich entwickeln und dass die Sicherung gleichwertiger Lebensverhältnisse schwieriger wird. Der Deutsche Städtetag sieht deshalb in besonderer Weise Bund und Länder gefordert, ihre Verantwortung für strukturschwache Städte und Regionen wahrzunehmen und sie gezielt zu fördern. Denn die Entwicklungschancen strukturschwacher Kommunen dürfen nicht verloren gehen." Dedy sagt weiter: "Wachstum wie Schrumpfung stellen die Städte in Deutschland vor große Herausforderungen, wobei aus Wachstum und Schrumpfung höchst unterschiedliche Aufgaben unter anderen Rahmenbedingungen resultieren. Während in wachsenden Stadtteilen, Städten und Regionen neue Infrastrukturen für Wohnen, Bildung und den öffentlichen Nahverkehr geschaffen und organisiert werden müssen, geht es in schrumpfenden Stadtteilen, Städten und Regionen beispielsweise darum, die Auslastung der Infrastruktur sicherzustellen bzw. um einen geordneten Rückbau."
Die BBSR-Studie kann kostenfrei bei Gabriele Bohm bezogen werden, E-Mail: gabriele.bohm@bbr.bund.de oder direkt hier heruntergeladen werden. Eine interaktive Karte zur Untersuchung finden Interessierte unter: https://www.bbr-server.de/imagemap/SWSGEM/WEB/INDEX.HTML.
Yvonne Wodzak 13.08.2015










