Hälfte der in Deutschland lebenden Syrer sind für eine Aufnahme-Obergrenze

Vier Fünftel der schon länger in Deutschland lebenden Syrischstämmigen begrüßen nach einer Emnid-Umfrage die offene Politik des Landes gegenüber Flüchtlingen. Allerdings plädiert die Hälfte der Befragten für eine Aufnahme-Obergrenze. Drei Viertel der Umfrage-Teilnehmer zeigen Solidarität mit den Neuankömmlingen aus Syrien, nur ein Drittel befürchtet, dass sich die eigene Situation nun verschlechtern werde. Das geht aus der repräsentativen Erhebung unter insgesamt 500 syrischstämmigen Zuwanderern und ihren Nachkommen in Deutschland hervor, die der Exzellenzcluster "Religion und Politik" der Universität Münster mit dem Meinungsforschungsinstituts TNS Emnid von Dezember 2015 bis März 2016 durchführte. Zugleich fragen sich nach der bundesweiten Untersuchung 46 Prozent, ob unter den neu ankommenden Flüchtlingen nicht auch viele Terroristen seien.
Solidarität mit den Neuankömmlingen
71 Prozent der Befragten sind der Überzeugung, dass die meisten ihrer geflüchteten Landsleute nach Syrien zurückkehren wollen, wenn der Krieg vorbei ist, wie der Leiter der Studie, Religionssoziologe Prof. Dr. Detlef Pollack, erläutert. Ebenso viele meinen, dass Deutschland es schaffen könne, die Probleme bei der Aufnahme der vielen Flüchtlinge zu bewältigen. Dabei sind jedoch etwa zwei Drittel der Ansicht, dies könne nur gelingen, wenn sich in Staat und Gesellschaft noch viel ändere.
Religionssoziologe Prof. Pollack sagt: "Insgesamt überwiegt unter den aus Syrien Zugewanderten und ihren Nachkommen die Offenheit gegenüber den neuankommenden Flüchtlingen und die Solidarität mit ihnen. Dabei ist es erstaunlich, wie groß das Vertrauen in die Fähigkeit Deutschlands ist, mit den Problemen in der Flüchtlingspolitik fertigzuwerden. Zugleich – und hier unterscheiden sich die syrischstämmigen Befragten kaum von der deutschen Mehrheitsgesellschaft – wird die klare Erwartung an die deutsche Politik und Gesellschaft gerichtet, den Integrationsprozess aktiv zu gestalten." Angesichts der Herausforderungen seien die Befragten nicht frei von Befürchtungen, etwa, was eine wachsende Konkurrenz im wirtschaftlichen und sozialen Bereich angehe. Relativ groß sei auch die Angst, dass unter den Flüchtlingen viele Terroristen sein könnten – auch dies eine Sorge, die die Befragten mit vielen Menschen in der Mehrheitsgesellschaft teilen, so Pollack.
Das Forschungsprojekt
Die in der Erhebung befragten Syrer leben im Durchschnitt seit 20 Jahren in Deutschland, mindestens seit einem Jahr, andere seit vier Jahrzehnten. 20 Prozent der Befragten wurden in Deutschland geboren, 80 Prozent nicht. Die Hälfte hat die deutsche Staatsbürgerschaft, ein Drittel die syrische, elf Prozent haben einen deutschen und einen syrischen Pass, vier Prozent einen syrischen und einen weiteren. Die Ergebnisse sind Teil einer großen repräsentativen Umfrage des Exzellenzclusters mit TNS Emnid unter türkisch- und syrischstämmigen Menschen in Deutschland zu Fragen der Integration, Diskriminierung, Religiosität und des Fundamentalismus. Ausführliche Ergebnisse sollen in den kommenden Wochen veröffentlicht werden. Die Emnid-Erhebung entsteht im Rahmen eines Forschungsprojektes, das am Exzellenzcluster unter der Leitung von Prof. Pollack und der Mitarbeit der Religionssoziologen Dr. Olaf Müller, Dr. Gergely Rosta und Anna Dieler durchgeführt wird.
"Angesichts der wachsenden Religionsvielfalt in Deutschland verlaufen Spannungslinien oft zwischen der Mehrheitsgesellschaft und religiösen oder ethnischen Minderheiten", erläutert Prof. Pollack. "Daher reicht es nicht aus, nur die Haltungen, Normvorstellungen und das Selbstbild der Mehrheitsgesellschaft zu erfassen. Vielmehr gilt es, auch die Haltungen, Deutungen, Wünsche und Abneigungen von Minderheiten sorgfältig zu analysieren. Politische und rechtliche Regelungen greifen nur in dem Maße, wie sie auf gesamtgesellschaftliche Unterstützung stoßen."
(yw) 07.04.2016









