
Wahl in Berlin: Die Grünen haben das formal verständlichste Wahlprogramm von allen Parteien vorgelegt; Foto: Pixabay/Gemeinfrei CC0
Berliner Abgeordnetenhauswahl 2016: Wahlprogramme sind sprachlich viel zu kompliziert
Die Universität Hohenheim hat einen Verständlichkeits-Check der Wahlprogramme zur Berliner Abgeordnetenhauswahl 2016 durchgeführt. Zentrales Ergebnis der Forscher: Einige Programme sind sprachlich fast so kompliziert wie eine Doktorarbeit.
Einen Gewinner gebe es bei der formalen Verständlichkeit der Wahlprogramme nicht wirklich. "Zwar haben die Grünen in Berlin das formal verständlichste Wahlprogramm von allen vorgelegt", sagt Prof. Dr. Frank Brettschneider, Kommunikationsexperte der Universität Hohenheim und Leiter der Studie. "Ein Wert von 10,6 auf dem Hohenheimer Verständlichkeits-Index lässt aber noch viel Raum nach oben." Die Wahlen zum Abgeordnetenhaus von Berlin und zu den Bezirksverordnetenversammlungen finden am 18. September 2016 statt.
Der Hohenheimer Verständlichkeitsindex
Anhand des Hohenheimer Verständlichkeits-Index und mit der Verständlichkeitssoftware "TextLab" können die Wissenschaftler den Grund für die Unverständlichkeit der Parteien nennen: Komplizierte und unverständliche Fach- und Fremdwörter, Anglizismen, "Denglish" und Satz-Monster ab 20 Wörtern (Bandwurmsätze und Schachtelsätze). Die Probleme der Wahlprogramme haben Prof. Brettschneider und Claudia Thoms vom Lehrstuhl Kommunikationswissenschaft an der Universität Hohenheim in Zahlen ausgedrückt. Der Hohenheimer Verständlichkeitsindex reicht von 0 (völlig unverständlich) bis 20 (sehr verständlich). Analysiert wurden CDU, SPD, FDP, Bündnis 90 / Die Grünen, Die Linke, die AfD und die Piratenpartei. Berücksichtigt wurden Parteien, die entweder im Deutschen Bundestag oder in mindestens drei Landtagen vertreten sind. Das langfristige Forschungsprojekt ist eine Kooperation mit der Agentur H & H CommunicationLab aus Ulm.
Fremdwörter, Anglizismen und "Monster-Wörter"
Viele Fachbegriffen sind für die Wähler einfach unverständlich - werden aber gern von den Parteien eingesetzt: Was meinen beispielsweise die Grünen, wenn sie von "Gehwegvorstreckungen" sprechen? Oder die CDU von "Unterflurbehältern", die SPD vom "Konnexitätsprinzip", die Linke von "Soloselbstständigen" und die FDP von "Umwegrentabilität"?
Ebenso verwirrend sind die zahlreichen Anglizismen, für die insbesondere die CDU eine Vorliebe hat: "Shared Service Center", "Cross Clustering", "Share Deals" und "College Teams". Aber auch bei den anderen Parteien finden sich schwer verständliche Anglizismen: "Entrepreneurship Education" (FDP), "Chilling Effects" (FDP), "City-Lab" (SPD), "Gender Budgeting" (SPD), "No-go-Areas! (AfD), "Deep Packet Inspection" (Piraten), "Clean Tech Park" (Grüne) oder "Green-Fashion-Hub" (Grüne).
Darüber hinaus erschweren auch lange, zusammengesetzte Wörter die Lesbarkeit der Wahlprogramme: "Mindestschuldentilgungsziele" (FDP), "Gesundheitsversorgungslandschaften" (CDU), "Ordnungswidrigkeitentatbestände" (Linke), "Bioabfallbehandlungsanlage" (Grüne) oder "Mietenvolksentscheid-Initiative" (SPD).
Berlin im Ländervergleich auf Platz 4
Die Forscher fanden heraus: Im Schnitt sind die aktuellen Wahlprogramme aus Berlin im Vergleich weder deutlich besser noch schlechter verständlich als die Programme anderer Parteien in anderen Bundesländern. Mit einem Durchschnitt von 8,6 liegen die Berliner Wahlprogramme auf Platz 4 im Ländervergleich – gleichauf mit den Programmen zur Bayerischen Landtagswahl 2013. "Das ist aber nicht unbedingt ein Pluspunkt, da sie deutlich näher am Verständlichkeitsniveau einer politikwissenschaftlichen Doktorarbeit (4,3) sind", sagt auch Claudia Thoms. "Zum Vergleich: Politik-Beiträge der BILD-Zeitung haben eine durchschnittliche Verständlichkeit von 16,8." Politik-Beiträge überregionaler Zeitungen wie der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der Welt, der Süddeutschen Zeitung oder der taz hätten Werte zwischen 11 und 14.
Die Landtagswahl mit den im Schnitt formal verständlichsten Programmen war 2012 die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen (9,4 Punkte). Die formal unverständlichsten Programme fanden sich 2014 bei der Landtagswahl in Sachsen (6,7 Punkte).
Eine verschenkte Kommunikationschance
Mit der formalen Unverständlichkeit verschenkten die Parteien eine Kommunikationschance bei den Bürgerinnen und Bürgern, stellt Prof. Brettschneider fest. "Obwohl nur sehr wenige Menschen die Wahlprogramme komplett und intensiv durchlesen, sollen Wahlprogramme eigentlich dazu dienen, Wählerinnen und Wähler zu gewinnen oder zu halten. Neben der formalen Verständlichkeit sollte es sich also von den Programmen der Gegner zumindest teilweise inhaltlich unterscheiden. Vor allem soll das Programm auf Themen hinweisen, die für die Partei erfolgversprechend sind."
Aus den Programmen leiten sich außerdem andere Kommunikationsmaßnahmen ab, die für eine Wahl entscheidend sind: Wahlplakate, Flyer und Broschüren. "Selbst wenn die Wähler nicht das gesamte Programm lesen, so schauen sich einige von ihnen doch zumindest die Passagen an, die sich auf Themen beziehen, die ihnen wichtig sind", so Prof. Brettschneider.
Die Programme dienten aber nicht nur dazu, Wählerinnen und Wähler zu halten oder neue zu gewinnen, sie seien auch innerhalb der Partei von Bedeutung, betont Prof. Brettschneider. "Das Programm soll der Selbstverständigung einer Partei dienen: Während der Arbeit am Programm klären die Mitglieder innerparteiliche Positionen und bündeln verschiedene Interessen. Der Parteiführung dient das Programm nach der Wahl als Grundlage für Koalitionsverhandlungen oder für die Arbeit in der Opposition. Entgegen landläufigen Behauptungen halten sich Parteien nach den Wahlen auch häufig an ihre Programm-Aussagen."
Die Studie als PDF finden Interessierte hier.
Yvonne Wodzak 12.09.2016









