Politiker haben Nachholbedarf in Sachen Verhandlungskompetenz
Wie ist es mit der Verhandlungskompetenz von deutschen Politikern bestellt? Eine aktuelle Studie von Wissenschaftlern der Universitäten Hohenheim und Potsdam attestiert ihnen nicht die besten Voraussetzungen für erfolgreiche Verhandlungen. Die befragten Politiker selbst schätzen ihre Verhandlungsfähigkeit mit der Schulnote "Zwei minus" ein. "Dass sich Politiker selber nicht als exzellente Verhandlungsführer einstufen, ist nicht weiter verwunderlich. Denn die meisten haben das Verhandeln nie richtig gelernt", kommentiert Prof. Dr. Markus Voeth, BWL-Professor und Direktor des Hohenheimer Standorts der Negotiation Academy Potsdam (NAP), der bundesweit einzigen universitäre Verhandlungsakademie mit Standorten an den Universitäten Potsdam und Hohenheim. An der auf einer repräsentativen Bevölkerungsbefragung aufbauenden Studie nahmen über 350 Bundestags- und Landtagsabgeordnete sowie EU-Parlamentarier teil.
Bürger geben die Schulnote 3-
Die Befragten bestätigten, dass Verhandlungen mehr als 40 Prozent ihres Arbeitsalltags einnehmen. Dass diese in der Politik langwieriger, komplexer und öffentlichkeitswirksamer sind als beispielsweise in der Wirtschaft, meinen nicht nur die Politiker, sondern auch die befragten Bürger. Entsprechend hoch sind deren Erwartungen: 77 Prozent der Bevölkerung empfinden es als wichtig, dass Politiker gut verhandeln können. Doch die Verhandlungsleistung der Politiker wird von den Bürgern nur mit der Schulnote "Befriedigend (-)" bewertet. Die Politiker sehen das anders und geben sich im Schnitt die Schulnote "gut (-)".
CDU/CSU und FDP bewerten sich besser
Generell stufen sich Männer besser ein als Frauen. Auch die Parteizugehörigkeit spielt eine gewisse Rolle: So schätzen Politiker von CDU/CSU und FDP die eigene Verhandlungsleistung etwas besser ein als Politiker von SPD, Linken und Grünen. Noch überzeugte sind übrigens EU-Parlamentarier von sich: Sie bewerten die eigene Verhandlungsleistung im Schnitt mit "1,92".
Drei Viertel der Politiker haben Verhandeln nie richtig gelernt
Laut der Studie erklären 76 Prozent der befragten Politiker, dass sie das Verhandeln nie richtig gelernt zu haben. Die meisten bedauern das. Sie stufen ihre eigenen Fähigkeiten auf diesem Feld signifikant schlechter ein als Politiker, die angeben, das Verhandeln in Ausbildung oder Studium gelernt zu haben. Mehr als zwei Drittel der Befragten gehen davon aus, dass Verhandlungstrainings am Anfang der politischen Karriere helfen könnten, auf diesem Gebiet mehr Kompetenzen zu erwerben. Coachings wären aber auch bei erfahrenen Politikern hilfreich - werden aber nach Angaben der Befragten kaum wahrgenommen. Hauptgründe für schlechte Verhandlungsergebnisse sehen die Politiker mehrheitlich in mangelnder Vorbereitung und zu ambitionierten eigenen Zielen.
Bereitschaft zum lebenslangen Lernen nimmt ab
"Die Möglichkeit, aber auch die Bereitschaft zum lebenslangen Lernen nimmt mit der Übernahme verantwortungsvoller Tätigkeiten oftmals ab", erklärt Prof. Dr. Voeth. "Entweder steht nämlich nicht mehr ausreichend Zeit zur Verfügung oder aber die Weiterbildungsangebote entsprechen nicht den spezifischen Anforderungen hochrangiger Führungskräfte." Auf jeden Fall verdeutliche die vorliegende Studie einen offensichtlichen Nachholbedarf von Politikern und damit auch der Politik als System im Bereich Verhandlungen.
Yvonne Wodzak 20.07.2017










