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Die Ausstellung "EINE STADT WIRD BUNT" dokumentiert die Entwicklung der Hamburger Graffiti-Szene in den 1980er und 1990er Jahren – Foto: Sophie-Marie Jahn

Stadtraum

Ausstellung zeigt Hamburger Graffiti-Geschichte

"Ich bin erwischt worden. Ich habe 20.000 Mark damals Strafe gezahlt", erzählt Oliver Nebel der Menschenmenge im Museum für Hamburgische Geschichte. Das sind rund 10.000 Euro, die er als Jugendlicher zahlen musste. Seine Mutter habe ihm dabei nicht geholfen, berichtet der 50-Jährige: "Meine Mutter hat gesagt: Wenn sie dich erwischen, zahlst du das schön selber, viel Spaß. Das habe ich gemacht, war sehr teuer." Nebel wurde beim Graffiti-Sprühen erwischt. Seit 1988 ist er in der Hamburger Szene aktiv und dort vor allem unter seinem Synonym Davis bekannt. Für ihn markierte die Aktion einen Wendepunkt in seinem Leben. Nebel sagt: "Für mich war das der richtige Tritt in den Arsch. Ich habe dadurch tatsächlich meinen Beruf als Graffiti-Maler gewählt."

Mehr als 30 Jahre später steht Nebel im grauen Jogginganzug in den Räumen des Museums für Hamburgische Geschichte und kaut entspannt einen Kaugummi. Auf seinem Pullover prangt das Logo seiner Graffiti-Crew "All You Can Eat". Gemeinsam mit weiteren Graffiti-Writern führt Nebel jeden Donnerstag Interessierte durch die Ausstellung "EINE STADT WIRD BUNT. Hamburg Graffity History 1980 – 1999", die seit Anfang November 2022 zu sehen ist. In der Ausstellung dokumentieren fast 500 Exponate, bestehend aus Fotos, Texten, Skizzenbüchern, Sprühdosen, Magazinen und Kleidung, die Geschichte der Subkultur und die Anfänge im Hamburger Stadtgebiet. Die Kuratoren verweisen dabei nicht nur auf die Entstehung der Subkultur in New York (USA), sondern stellen weitere Bezüge zum Hip-Hop-Genre her, dem die Graffiti-Szene untergeordnet ist. Neben der Sprühkunst gehören dazu auch Breakdance, das DJing und das MCing (Anm. d. Red.: Rap).

Die Ausstellung wurde im Rahmen von "dive in. Programm für digitale Interaktionen" der Kulturstiftung des Bundes entwickelt. Zudem wird die Schau im Programm "Neustart Kultur" von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien sowie von der Hamburger Behörde für Kultur und Medien gefördert.

Die Anfänge der Graffiti-Szene


Vor allem leere Wände haben Graffiti-Writer angelockt – Foto: Sophie-Marie Jahn

Die ersten Epizentren der europäischen Graffiti-Szene bilden sich in vor allem in Paris, Amsterdam und München. Anfang der 1980er Jahren tauchen dann auch in der Hansestadt Hamburg die ersten bunten Kunstwerke an Mauern und Wänden auf. Davor war die Stadt laut dem Diplom-Grafik-Designer Nebel, der seit 2001 als freischaffender Künstler tätig ist, schlichtweg grau – eine Folge des Zweiten Weltkriegs. Viele deutsche Städte wurden damals zerstört und mussten neu aufgebaut werden. Im Raum Hamburg startete das flächenmäßig größte Wiederaufbauprojekt der Bundesrepublik. Geplant waren Einfamilienhäuser am Stadtrand, Bürotürme und Verkehrsachsen in der City sowie Großwohnsiedlungen. Doch in Stadtteilen wie Ottensen, Barmbek, St. Pauli oder im Schanzenviertel dominierten weiterhin die Altbauten und Industriebrachen. Nicht zuletzt, weil die Anwohner:innen dieser Viertel sich für eine Sanierung aussprachen und gegen einen Abriss oder Neubau stellten. Dadurch wurde das Thema Stadtentwicklung zur politischen Angelegenheit.


Die meisten Graffiti-Writer unterschrieben die Werke mit ihrem Künstlernamen – Foto: Sophie-Marie Jahn

Die teilweise leerstehenden Häuser sowie die freien Flächen an Mauern und Wänden in diesen Stadtteilen förderten die Entstehung einer Graffiti-Szene. Nebel macht deutlich: "Für uns sind das keine Hausflächen. Für uns sind das Einladungen. Das sind Leinwände." Beliebte Standorte zum Sprühen waren zum Beispiel Ottensen, St. Georg oder das Schanzenviertel. Der Lieblingsort von Nebel sei aber ein anderer gewesen: "Kampnagel war früher mein Lieblingssprühort. Du hast immer wieder eine neue Ecke gefunden", so der 50-Jährige.

Im Laufe der Jahre wuchs die Hamburger Graffiti-Szene immer weiter. Die Graffiti-Writer vernetzten sich zunehmend im gesamten Stadtgebiet, lernten voneinander und planten gemeinsame Sprüh-Aktionen. So entstanden ab 1984 die ersten Gruppen von Sprühern in Ottensen und Eidelstedt. Zudem bildeten sich erste sogenannte Corner in Hamburg – Treffpunkte der Szene. Zu einem der ersten Hamburger Corner gehörte ab 1986 der S-Bahnhof Langenfelde im Westen der Stadt. Weitere zentrale Treffpunkte waren die McDonald´s-Filiale am Dammtorbahnhof und der Jungfernstieg.

Gemischte Reaktionen

Lange blieb die Graffiti-Szene allerdings nicht unentdeckt. Ende der 1980er Jahre wurde die Öffentlichkeit zunehmend auf die neue Kunstform aufmerksam. Medien wie der "Stern" und die "Bravo" berichteten über die Sprüher und deren Aktionen, Jugendhäuser boten Flächen zum Sprühen an und erste Museen präsentierten die Kunstform einem größeren Publikum. Auch der öffentliche Sektor nahm die neue Gestaltungsform wahr. Die Hamburger Kulturbehörde ließ das Phänomen Graffiti sogar wissenschaftlich untersuchen. Außerdem wurden zahlreiche Graffiti-Aktionen ins Leben gerufen, darunter "Wand frei" im Museum der Arbeit in Barmbek (1987) oder der Wettbewerb "Gesprühter Zauber" im Mai 1993 von der Deutschen Bahn, dem Hamburger Verkehrsverbund, der Hamburger Hochbahn und der Behörde für Arbeit, Gesundheit und Soziales (BASG) in Zusammenarbeit mit der Zigarettenmarke West.

Die Aktionen hatten allerdings einen zentralen Nachteil, wie nach dem Graffiti-Wettbewerb deutlich wurde. Nebel erinnert sich: "Nachdem alle Bilder gemalt worden sind, hatte die SOKO (Graffiti) so schöne Erkenntnisse, weil sie das legale Bild mit den illegalen kombiniert haben, und dann gab es Hausdurchsuchungen. Da war das Vertrauen in die Bahn gebrochen." Die Sonderkommission Graffiti (SOKO) unter der Leitung von Bodo Claußen wurde 1988 gegründet. Ihre Aufgabe war es, das illegale Sprühen zu verhindern und die verantwortlichen Graffiti-Writer zu fassen. Die Gründung der SOKO Graffiti verdeutlichte die negative Stimmung gegen die Graffiti-Szene, die vor allem in den 1990er Jahren vorherrschte. Auch in den Medien wurden Sprüher vermehrt als Kriminelle dargestellt. Es kam zu zahlreichen Hausdurchsuchungen, bei denen Skizzen, Fotos und Sprühdosen beschlagnahmt wurden, diversen Gerichtsverfahren wegen Sachbeschädigung und hohen Geldstrafen.

 


Mithilfe einer App können Interessierte ehemalige Standorte der Hip-Hop-Szene erkunden, zum Beispiel das Powerhouse – Fotos: Sophie-Marie Jahn

Spurensuche im Stadtraum

Mittlerweile haben sich die Wogen geglättet und die Parteien wieder angenähert. Eine wichtige Erkenntnis seitens der Behörden war wohl, dass Graffiti nicht wieder aus dem Stadtbild verschwinden wird. Seit fast 40 Jahren gehören Graffitis zu Hamburg. Sie sind überall in der Stadt zu entdecken, an Wänden und Mauern, S- und U-Bahnen, Haltestelle und Automaten. Dabei ist wohl keine Kunstform so vergänglich wie das Graffiti. Es ist verschiedenen Wettereinflüssen und dem Wandel der Stadt ausgesetzt. So entstehen zwar immer wieder neue Graffiti-Flächen, aber es verschwinden auch einige. Das macht es schwierig, die Entwicklung des Graffitis in der Hansestadt nachzuverfolgen. Daher haben die Verantwortlichen der Ausstellung die interaktive App "Eine Stadt Wird Bunt" entwickelt, mit deren Hilfe Interessierte auf Spurensuche in Hamburg gehen können.

Die Anwendung navigiert die Nutzenden zu 55 Standorten in der Hansestadt, die eng mit der Graffiti-Szene verknüpft sind. Mithilfe von Augmented Reality ermöglicht die App einen Blick in die Vergangenheit und zeigt, wie die Orte in den 1980er und 1990er Jahren aussahen. Die App führt unter anderem zum ehemaligen Hip-Hop-Club Powerhouse auf St. Pauli und an die am Alsteranleger Jungfernstieg gelegene Haltestelle – zwei zentrale Anlaufstellen für die Graffiti-Community.

 

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