Parteien formulieren ihre Wahlprogramme immer unverständlicher
Bandwurmsätze mit bis zu 71 Wörtern (Linke), Wortungetüme wie "Terrorismusbekämpfungsergänzungsgesetz" (FDP) oder Fachbegriffe wie "Comprehensive Test Ban Treaty" (Piratenpartei): Die Wahlprogramme der Parteien sind heute im Durchschnitt noch unverständlicher als bei der letzten Bundestagswahl 2009. Zu diesem Ergebnis kommt eine Analyse, die von Kommunikationswissenschaftlern der Universität Hohenheim durchgeführt wurde.
Mit Hilfe einer Analyse-Software fahnden die Wissenschaftler unter anderem nach überlangen Sätzen, Fachbegriffen, Fremdwörtern und zusammengesetzten Wörtern. Anhand dieser Merkmale bilden sie den "Hohenheimer Verständlichkeitsindex", der von 0 (völlig unverständlich) bis 20 (sehr verständlich) reicht.
Im Durchschnitt ist die Verständlichkeit der Bundestagswahlprogramme mit 7,7 Punkten im Vergleich zu 2009 noch gesunken. Damals lag der Mittelwert bei 9,0 Punkten. Zum Vergleich: Politikwissenschaftliche Doktorarbeiten erzielen durchschnittlich einen Wert von 4,7. Die Politik-Beiträge in der Bild-Zeitung liegen bei 16,8.
"Das ist enttäuschend", urteilt Prof. Dr. Frank Brettschneider, Leiter des Lehrstuhls für Kommunikationswissenschaft. "Denn alle Parteien haben sich in den letzten Jahren Transparenz und Bürgernähe auf ihre Fahne geschrieben. Mit ihren teilweise schwer verdaulichen Wahlprogrammen schließen sie jedoch einen erheblichen Teil Wähler aus und verpassen damit eine kommunikative Chance."
Kurzfassungen der Programm verständlicher
Gegen den Trend konnten die Union und die Links-Partei ihren Verständlichkeits-Wert im Vergleich zur letzten Bundestagswahl steigern. Insgesamt schneide das Programm von CDU/CSU mit einem Wert von 9,9 diesmal im Vergleich noch am besten ab, so Prof. Dr. Brettschneider. Die Grünen (8,4) sind auf Rang zwei abgerutscht. Verschlechtert haben sich auch die Werte der SPD (7,3) und der FDP (7,3). Am unverständlichsten sei das Programm der Piratenpartei (5,8). Ein Grund: Besonders viele englische Wörter und Insider-Begriffe.
"Alle Parteien könnten verständlicher formulieren", ist Prof. Brettschneider überzeugt. "Das beweisen gelungene Passagen in den Einleitungen und im Schlussteil. Auch die Kurzfassungen der Wahlprogramme schneiden bei allen Parteien erheblich besser ab. Die Langfassungen sind oft Ergebnis von innerparteilichen Expertenrunden. Diesen ist meist gar nicht bewusst, dass die Mehrheit der Wähler ihr Fachchinesisch nicht versteht."
Verständlichkeitshürden schließen Leser aus
"Sharing Community" (Union), "Substitutionstherapie" (Linke) oder "Marktradikalisierung" (SPD): Die Programme aller Parteien enthalten eine Vielzahl von Fremd- und Fachwörter, die häufig ohne Erklärung im Text verwendet werden. Vor allem für Leser ohne politisches Fachwissen oder ohne akademische Ausbildung stellen diese eine große Verständlichkeitshürde dar.
Einen ähnlichen Effekt hätten Wortzusammensetzungen oder Nominalisierungen, so Prof. Dr. Brettschneider. Einfache Begriffe würden so zu regelrechten Wort-Ungetümen, zum Beispiel "Bundes-Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz" (Grüne) oder "Terrorismusbekämpfungsergänzungsgesetz" (FDP).
"Auch zu lange Sätze erschweren das Verständnis – vor allem für Wenig-Leser. Sätze sollten möglichst nur jeweils eine Information vermitteln", erklärt Claudia Thoms, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Kommunikationswissenschaft.
Begriffsanalyse der Programme
Begrifflich stehen die "Menschen" in allen Programmen im Vordergrund. Zum Teil sticht dieses Wort noch deutlicher hervor als beispielsweise "Deutschland". Die Oppositionsparteien verwenden außerdem besonders häufig die Wörter "müssen" und "sollen".
Den größten Raum nehmen die Themen Außen- und Sozialpolitik ein. Sie rangieren bei allen Parteien auf den ersten drei Plätzen. Gleichzeitig fanden die Forscher hier die unverständlichsten Textpassagen. Lediglich bei der Piratenpartei nimmt die Justiz- und Rechtspolitik am meisten Raum ein.
Rebekka Hans 27.08.2013










