
Prof. Dr. Wiebke Ahrndt begrüßte die Teilnehmenden der Jahrestagung des Deutschen Museumsbundes 2025 in der Stadthalle Chemnitz – Foto: Sophie-Marie Jahn/PUBLIC MARKETING
DMB
Das war die Jahrestagung des Deutschen Museumsbundes 2025
Vom 4. bis 7. Mai 2025 trafen sich rund 800 Fachleute aus Museen, Wissenschaft, Politik und der Designbranche zur Jahrestagung des Deutschen Museumsbundes (DMB) in Chemnitz. Unter dem Leitthema "Museen stärken Demokratie" diskutierten nationale und internationale Expertinnen und Experten über die gesellschaftspolitische Verantwortung von Museen – und darüber, wie diese als Orte demokratischer Bildung, Auseinandersetzung und Teilhabe wirken können.
Nachdem die Teilnehmenden am Sonntag die Möglichkeit hatten, die Stadt Chemnitz und deren Museen zu erkunden, startete am Montag die Haupttagung. In ihrer Eröffnungsrede betonte DMB-Präsidentin Prof. Dr. Wiebke Ahrndt die zentrale Bedeutung von Museen in einer demokratischen Gesellschaft – besonders angesichts erstarkender rechter Kräfte und zunehmenden Antisemitismus. Sie fordert mehr Unterstützung von der Politik. Die Freiheit der Museen müsse von der Politik garantiert werden, sagt Ahrndt und spricht sich dafür aus, Museen in Artikel 5 Absatz 3 des Grundgesetzes aufzunehmen, der die Freiheit von Wissenschaft, Forschung und Lehre sowie die Kunstfreiheit schützt.
Weitere Grußworte kamen von Alexander Dierks, Präsident des Sächsischen Landtags, die Chemnitzer Kulturbürgermeisterin Dagmar Ruscheinsky, Stefan Schmidtke, Geschäftsführer der Kulturhauptstadt GmbH und Dr. Sabine Wolfram, Direktorin Staatliches Museum für Archäologie Chemnitz und Vorständin Sächsischer Museumsbund, die Anwesenden.
Demokratie aus verschiedenen Perspektiven
Den Auftakt des Tagungsprogramms machte der Sozialwissenschaftler Prof. Dr. Raj Kollmorgen von der Hochschule Zittau/Görlitz. In seiner Keynote sprach er über die Transformation demokratischer Gesellschaften unter wirtschaftlichen, ökologischen, kulturellen und digitalen Aspekten. Im Anschluss rückte das Thema Einflussnahme durch Politik und Verwaltung in den Fokus. Zur Einführung spielte Moderator und DMB-Vorstand Dr. Reinhard Spieler neun anonyme Fallbeispiele vor, in denen Vertreter:innen der Museumsbranche von politischem Druck und Übergriffen berichteten. Carola Thielecke, Leiterin des Zentralen Justiziariats der Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin, gab einen Einblick in die rechtlichen Rahmenbedingungen und Freiräume für Kunst- und Kulturinstitutionen. Sie machte deutlich, dass die Institutionen bislang keinen Grundrechtsschutz haben.
In der anschließenden Podiumsdiskussion mit Thielecke und Dr. Ulrike Lorenz, Präsidentin der Klassik Stiftung Weimar, Rein Wolfs, Direktor Stedelijk Museum Amsterdam sowie Petra Olschowski, Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst, Baden-Württemberg, berichteten Teilnehmer:innen von eigenen Erfahrungen. Zudem ging es um Praxisfragen: Dürfen Stadt und Land das Gendern vorschreiben? Wie ist mit politischem Ausdruck auf privaten Social-Media-Kanälen umzugehen?
Am Nachmittag trat zunächst das Nachwuchsforum auf die Bühne. Der Deutsche Museumsbund hatte Nachwuchskräfte gefragt, wie Museen von innen demokratisiert werden können. Vier junge Frauen, die in Museen tätig sind oder in ihrem Studium mit Museen zusammenarbeiten, stellten ihre dabei ihre Projekte vor – von der Gründung eines Awareness-Teams über ein studentisches Projekt zu Kolonialismus und ein Forschungsprojekt zur Mitbestimmung von Mitarbeitenden bis hin zu einem Ausstellungsprojekt, das Geschichten aus dem Team sichtbar macht.
Zum Abschluss des Tages rückte das Thema Demokratiefeindlichkeit verstärkt in den Fokus. Dr. Julia Leser von Philipps-Universität Marburg stellte das Forschungsprojekt "CHAPTER: Challenging Populist Truth-Making in Europe", das sich mit antidemokratischen Eingriffen in die Museumsarbeit beschäftigt. Linda Kelch von der Bundeszentrale für Politische Bildung in Bonn setzte sich mit dem Begriff politische Neutralität und politische Bildung. Sie betont, dass politische Bildung als demokratische Bildung nicht neutral sein kann. Dr. Jens Bortloff, stellvertretender Leiter und Verwaltungsdirektor Technoseum in Mannheim, warnte vor den erstarkenden politischen Rändern. In der daran anknüpfenden Fishbowl-Diskussion diskutierten die Teilnehmenden, wie man mit verfassungs- und demokratiefeindlichen Symbolen, Aussagen und Einstellungen umgehen soll.
Impulse aus der Praxis
Der Dienstag begann mit sieben Impulsvorträgen zu Projekten zur demokratischen Museumsarbeit. Die Beiträge kamen von der Universität Würzburg, der John-Dewey-Forschungsstelle für die Didaktik der Demokratie, dem Münchner Stadtmuseum, der Stiftung Ettersberg, der Stadt Augsburg, dem Ludwig-Uhland-Institut für Empirische Kulturwissenschaft in Tübingen sowie dem Kunstgewerbemuseum der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Danach wurden die Teilnehmer:innen selbst aktiv und kamen entweder in Workshops oder dem Meet-up-Format zusammen. Insgesamt sieben verschiedene Workshops gaben eine praxisnahe Vertiefung in einzelne Tagungsthemen, wie den rechtlichen Rahmenbedingungen, der Partizipation und dem politischen Einfluss. Im Meet-up-Format fanden sich Teilnehmende in kleinen Gruppen zusammen und bearbeiteten eines von fünf Szenarien. Aufgabe war es beispielsweise eine Diskussionsreihe über Antisemitismus im politisch linken Spektrum zu organisieren, ein ästhetischen Zugang zu einem Kunstwerk zu entwickeln, die Vermittlung von Inhalten über TikTok sowie Menschen einer Stadt und die Museumsmitarbeitenden mit den Bewohner:innen einer neu eingerichteten Flüchtlingsunterkunft zusammenzubringen.
Zum Ende der Tagung warf der US-amerikanische Museumsberater und Autor Mike Murawski einen Blick in die Zukunft. Er appellierte an die Museen, sich nicht nur als Spiegel der Gesellschaft zu verstehen, sondern als Nährböden der Transformation. Museen können Orte der partizipativen Demokratie und Katalysator für den gesellschaftlichen Wandel sein, um Zukunft zu denken und zu gestalten. In ihrem Schlusswort machte DMB-Präsidentin Ahrndt noch einmal deutlich, dass Museen bereit sein müssen, Entscheidungen zu treffen und wirksame Instrumente gegen antidemokratische Interventionen zu entwickeln. Sie betont: "Demokratie ist kein Format und kein Begleitprogramm. Demokratie braucht wiederkehrende Begegnungen." Gerade in der aktuellen unsicheren politischen Zeit sei dies unabdingbar, so Ahrndt und verweist dabei auch auf die Niederlage von Friedrich Merz im ersten Wahlgang zum Bundeskanzler im Deutschen Bundestag.
Zentrale Erkenntnisse:
1. Museen brauchen politischen Rückhalt.
Politische Einflussnahme gefährdet die Freiheit von Kunst- und Kulturinstitutionen. Eine Aufnahme von Museen in Artikel 5 Absatz 3 des Grundgesetzes sind daher dringend notwendig. Auch Förderstrukturen müssen gestärkt werden. Denn ohne finanzielle und personelle Kapazitäten können Museen keine demokratischen Angebote entwickeln und langfristig sichern.
2. Partizipation ist wichtig, aber braucht auch klare Grenzen.
Demokratische Teilhabe von Mitarbeitenden und Publikum ist essenziell, aber Institutionen müssen auch handlungsfähig bleiben. Ein Code of Conduct, das Hausrecht und Verhaltensregeln schaffen klare Rahmenbedingungen – gerade im Hinblick auf den Umgang mit Demokratiefeindlichkeit.
3. Demokratie ist ein Prozess, kein Projekt.
Angebote zur Demokratievermittlung und politischer Bildung müssen langfristig gedacht werden. Eine einzelne Veranstaltung reicht nicht aus, um Demokratie zu schaffen. Es braucht wiederkehrende Begegnungen, um Demokratie zu leben und demokratische Werte zu verankern.
Fotos: Sophie-Marie Jahn/PUBLIC MARKETING und DMB/Mark Frost
Sophie-Marie Jahn 08.05.2025









