
Die Jahrestagung des Deutschen Museumsbundes 2026 fand in Münster statt - Foto: Deutscher Museumsbund/Thorsten Arendt
Deutscher Museumsbund
Museen müssen verstärkt Brückenbauer sein
Der Deutsche Museumsbund in Berlin lud in diesem Jahr vom 10. bis 13. Mai 2026 zu seiner Jahrestagung nach Münster ein. Im Messe und Congress Centrum Halle Münsterland kamen mehrere Hundert Teilnehmer:innen aus dem Museumsbetrieb zusammen. Unter dem Motto "Museen öffnen! Vielfalt als Chance" tauschten sie sich darüber aus, wie unterschiedliche Gruppen und Meinungen zusammengedacht werden können, welche Bedeutung Diskussionsräume in diesem Bereich haben und warum es heute nicht mehr reicht, Ausstellungen für eine vermeintlich homogene Masse zu entwickeln.
Einen ersten Impuls lieferte Prof. Dr. Steven Vertovec, Managing Director des Max-Planck-Instituts zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften. Er sprach über Superdiversität und die Herausforderung, dass viele Menschen nach wie vor eine zu eingeschränkte Bedeutung mit diesem Begriff verknüpfen. Denn während die breite Öffentlichkeit damit meist eine Vielzahl an Ethnien meint, versteht Vertovec darunter vor allem die Vielfalt an persönlichen Geschichten, Hintergründen und Spektren.
Anhand der Tagungsgäste verdeutlichte er diesen Punkt: Obwohl alle aus dem Museumsumfeld kommen, bringen sie ganz unterschiedliche Voraussetzungen mit. Auch ihre Arbeit üben sie aufgrund ihres Backgrounds individuell aus – so wird eine Museumsdirektorin, die selbst Mutter ist, bei ihrem Vermittlungsprogramm vielleicht eher auf den Zugang für Kinder achten. Ein Ausstellungsmitarbeiter, der sich ehrenamtlich betätigt, lässt hingegen eventuell stärker soziale Komponenten in die Vermittlung einfließen. Es müsse ein Umdenken stattfinden, um die verschiedenen Bedürfnisse zu verstehen und in die eigene Arbeit zu integrieren.
Für Dr. Maaike van Rijn, Leiterin der Abteilung Kunst- und Kulturgeschichte beim Landesmuseum Württemberg, ist es zudem unabdingbar, die Vermittlung auf einer neutralen Basis aufzubauen und sich selbst fortlaufend zu hinterfragen. Nur so ließen sich irreführende Interpretationen vermeiden, die das Meinungsbild der Besucher:innen zu stark lenken. Sie machte das an einem plastischen Beispiel fest: Die Ausgrabung zweier männlicher Skelette in Italien, die einander zugewandt sind, wurde zunächst vor allem als Kameradschaft gedeutet und so kommuniziert. Andere Aspekte – wie die Möglichkeit einer Verwandtschaft oder eines Liebespaares – wurden anfangs vernachlässigt. Das wirft die Frage auf, ob die museumseigene Interpretation eines Ausstellungsstücks immer neutral ist und genügend Raum für eigene Gedanken der Gäste lässt.
Macht und Strukturen auf dem Prüfstand
Dass dies nur die eine Seite der Medaille ist, wurde im weiteren Verlauf der Veranstaltung klar. Denn auch die Mitarbeiter:innen in den Institutionen sind keine homogene Gruppe, sondern aufgrund ihrer sozialen Herkunft im höchsten Maße heterogen.
Einen ersten Einblick in diese Thematik bot ebenfalls van Rijn. Sie betonte, dass Teams in der Lage sein müssen, sich und ihre Handlungen in Bezug auf Sammlungsobjekte und Ausstellungen kritisch zu reflektieren. Jasmin Vogel, Leiterin des Kulturforums Witten, setzt hier schon einen Schritt früher an: Ihr zufolge sollte das Personal mit Entscheidungsgewalt geschult und befähigt werden, bestehende Organisationsstrukturen auf den Prüfstand zu stellen und anzupassen. Sie erläuterte das anhand eines Recruiting-Beispiels: Bei einer Stellenausschreibung sollte man die Position zwar konkret benennen, es brauche aber keine starren Vorschriften, welche Qualifikationen potenzielle Kolleg:innen exakt mitbringen müssen. Viel wichtiger sei es, die Stelle flexibel an die Gegebenheiten anzupassen. Führungskräften müsse bewusst sein, dass sie die Macht haben, ihre Organisation zu verändern und ein Konstrukt zu schaffen, das auf vielfältige Bedürfnisse eingeht.
Auch Robert Werner vom Deutschen Uhrenmuseum Furtwangen berichtete, wie sinnvoll es ist, das Kollegium aktiv miteinzubeziehen. Die Meinungen der Mitarbeiter:innen seien notwendig, um eine größere Teilhabe zu ermöglichen und einen Perspektivwechsel zu generieren. Das habe spürbare Auswirkungen auf die Ausstellungen und die Identifikation des Teams mit der eigenen Kunst- und Kulturinstitution. Er mahnte jedoch, dass dafür gegebenenfalls auch die Vermittlungsstrategien angepasst werden müssen.
Raus aus dem Elfenbeinturm, rein in die Stadtgesellschaft
Die Jahrestagung blieb jedoch nicht theoretisch, sondern zeigte auch praktisch anhand ausgewählter Best Practices, wie Museen ihrer Rolle als Brückenbauer gerecht werden können. Sonia Schätz, Leiterin des Stadtmuseums Landsberg am Lech, berichtete, warum sie für die Konzeption der neuen Dauerausstellung einen partizipativen Ansatz gewählt hat. Dieser Schritt sei notwendig gewesen, da die Einrichtung auf einem Berg liegt – eine topografische Lage, die bisher verhindert habe, das volle Besucherpotenzial auszuschöpfen. Mit einem Beteiligungsprozess der Stadtgesellschaft im Vorfeld wollte man eine erste Identifikation mit dem Museum schaffen und so frühzeitig neue Zielgruppen ansprechen.
Vor einer ähnlichen Barriere steht das Stadt- und Industriemuseum Rüsselsheim, wie Museumsleiter Nicolas Lange berichtete. Die „Festung“, in der die Institution beheimatet ist, bilde eine natürliche Hürde, die für geringere Besucherzahlen sorgt. Aus diesem Grund ging das Museum in den Stadtraum: Man stellte Stände in der Innenstadt auf und führte Befragungen durch. Außerdem nahmen die Verantwortlichen das 50-jährige Bestehen des Museums zum Anlass, um eine Pop-up-Ausstellung zu entwickeln.
Ebenfalls mit einem temporären Projekt will das Museum Nienburg/Weser vor allem bei Kindern und ihren Eltern punkten. Laut Museumsleiterin Dr. Kristina Nowak-Klimscha ist die Stadt stark durch Zuwanderung und eine hohe Kinderarmut geprägt, was oft mit Bildungsdefiziten einhergeht. Sie und ihr Team haben deshalb ein Programm entwickelt, das sich der Vermittlung als Teil der gesellschaftlichen Daseinsvorsorge widmet. Das soll einerseits den Horizont der Kinder erweitern, andererseits die Eltern entlasten. Ein zentraler Programmpunkt ist die Pop-up-Kindererlebniswelt, die in den Räumen des Museums immer dann öffnet, wenn gerade kein regulärer Ausstellungsbetrieb läuft.
Wechsel im Verbandspräsidiums
Turnusmäßig fand auch die Mitgliederversammlung des Verbands statt. Im Rahmen dessen wurde Meneske Wenzler, Vizedirektorin und Verwaltungsdirektorin des Deutschen Technikmuseums Berlin zur neuen Präsidentin gewählt. Sie ist auf Prof. Dr. Wiebke Ahrndt, Direktorin des Übersee-Museums Bremen, gefolgt.
Darüber hinaus wurde Dr. Ute Pott, Direktorin des Gleimhaus als neue Vize-Präsidentin ernannt. Der Vorstand besteht weiterhin aus: Dr. Marie Luisa Allemeyer (LWL-Freilichtmuseum Detmold), Florian Bolenius (Stiftung Deutsche Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen), Dr. Iris Edenheiser (Deutsches Hygiene-Museum Dresden), Dietrich Wolf Fenner (Museum für Kommunikation Berlin), Dietmar Osses (Stiftung Ruhr Museum), Prof. Dr. Patricia Rahemipour (Institut für Museumsforschung, Staatliche Museen zu Berlin – Stiftung Preußischer Kulturbesitz), Christina Reinsch (Museumsverband Hessen e.V.) und Dr. Katharina Weick-Joch (Museum für Gießen).
Wie üblich schloss der Deutsche Museumsbund die Jahrestagung am 13. Mai 2026 mit den Frühjahrtagungen der verschiedenen Arbeitskreisen, bei denen das Tagungsthema für die einzelnen Museumsgattungen noch einmal vertieft wurde.









